HIV-Zahlen: Deutsche Aidshilfe warnt vor Versorgungslücken – auch durch Corona

Pressemitteilung der Deutschen Aidshilfe

20-11-26 Zahlen (Titel)
© Die HIV-Neuinfektionszahlen im Zeitverlauf. Quelle: Epidemiologisches Bulletin 48/2020, Robert Koch-Institut

Corona-Pandemie reduziert HIV-Testangebote und kann so Spätdiagnosen und HIV-Übertragungen begünstigen. Jetzt alle Möglichkeiten in Prävention und Behandlung konsequent nutzen.

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland ist im Jahr 2019 nicht weiter gesunken, sondern leicht angestiegen. Kaum verändert hat sich auch die hohe Zahl der Menschen, die nichts von ihrer Infektion wissen und jener, die deswegen an Aids oder einem schweren Immundefekt erkranken. Das geht aus dem heute veröffentlichten Epidemiologischen Bulletin des Robert Koch-Instituts (RKI) hervor.

Dazu sagt Sven Warminsky vom Vorstand der Deutschen Aidshilfe (DAH):

„Diese Zahlen können uns nicht zufrieden stellen. Es wäre möglich, deutlich mehr HIV-Infektionen und schwere Erkrankungen zu verhindern. Nun drohen stattdessen Rückschritte und Schäden, weil die Corona-Pandemie Lücken bei den Testangeboten reißt. Es gilt jetzt dringend, mit zusätzlichen Ressourcen gegenzusteuern – denn die Corona-Pandemie wird uns noch erhalten bleiben und darf nicht dauerhaft die Maßnahmen gegen HIV behindern.“

Dabei gilt: Je früher eine HIV-Infektion medikamentös behandelt wird, desto besser lässt sich die Gesundheit erhalten. Zugleich ist HIV unter Therapie nicht mehr übertragbar. Testangebote sind daher auch ein wichtiger Bestandteil der HIV-Prävention.

Testangebote für frühe Diagnosen

10.800 Menschen lebten Ende 2019 in Deutschland mit HIV, ohne davon zu wissen, viele bereits seit Jahren. Etwa ein Drittel der HIV-Diagnosen erfolgt erst, wenn bereits eine schwere Erkrankung auftritt. 1.100 Menschen bekommen pro Jahr Aids oder erleiden einen schweren Immundefekt, obwohl es vermeidbar gewesen wäre.

Verfehlt werden damit auch die Ziele von UNAIDS für das Jahr 2020, nach denen mindestens 90% aller HIV-Infektionen diagnostiziert sein sollen (Deutschland Ende 2019: 88 Prozent), davon 90 Prozent eine Therapie erhalten (96%), so dass bei wiederum 90 Prozent HIV im Blut nicht mehr nachweisbar ist (96%).

„Die Stagnation bei den Spätdiagnosen ist tragisch“, konstatiert Sven Warminsky, „hier müssen die Anstrengungen für frühe Diagnosen dringend noch verstärkt werden, zum Beispiel durch Fortbildungen für Ärzt_innen, die HIV als Krankheitsursache oft nicht in Betracht ziehen.“

Leicht zugängliche Testangebote und Testkampagnen haben in den letzten Jahren bereits dafür gesorgt, dass in Großstädten die Zahl der schwulen und bisexuellen Männer, die frühzeitig von ihrer Infektion erfahren, gestiegen ist. Die Zahl der Spätdiagnosen ist in dieser Gruppe gesunken.

Corona verhindert HIV-Tests

Durch die Covid-19-Epidemie sind nun die anonymen Testangebote vielerorts stark eingeschränkt, weil viele Gesundheitsämter aufgrund von Überlastung zurzeit keine Tests auf HIV und Geschlechtskrankheiten anbieten. Aidshilfen mit ihren Checkpoints gleichen diesen Mangel teilweise aus, die Testangebote sind durch die Corona-Bedingungen aber ebenfalls beeinträchtigt.

Zugleich ist die Finanzierung der Testangebote in Aidshilfen in vielen Städten gefährdet: Die Kommunen wollen sie im nächsten Jahr nicht wieder zur Verfügung stellen oder kürzen. Mit den leicht erreichbaren Testangeboten für spezielle Zielgruppen würde ein essenzielles Mittel der erfolgreichen deutschen HIV-Strategie geschwächt.

„Um Aids-Erkrankungen und HIV-Neuinfektionen weiter zu reduzieren, dürfen keine Testangebote wegfallen, sie müssen vielmehr weiter ausgebaut werden“, betont DAH-Vorstand Sven Warminsky im Einklang mit den Empfehlungen des RKI. „Hier stehen Länder und Kommunen in der Verantwortung.“

Das RKI empfiehlt hier außerdem, Selbsttests stärker zu bewerben und Angebote von Einsendetests auszuweiten, wie sie in Deutschland bisher vom Kooperationsprojekt s.a.m health angeboten werden, das die DAH koordiniert. (...)

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