Umweltdirekt
- das Umweltmagazin für die Rhein-Neckar-Region berichtet in seiner
aktuellen Ausgabe über die Gesundheit im Rhein-Neckar-Dreieck:
Aids-Aufklärung wichtiger denn je - Aus den Medien, aus dem Sinn
Es ist stiller geworden um Aids. Doch das HIV-Virus ist längst nicht
besiegt. In vielen Ländern Afrikas und Asiens wütet es in schrecklichem
Ausmaß; auch in Deutschland nehmen die Infektionen deutlich zu. Um so
wichtiger ist die Aufklärungs- und Betreuungsarbeit von behördlicher und
ehrenamtlicher Seite. In Heidelberg etwa leisten die Aids-Beratung beim
Gesundheitsamt, die seit 20 Jahren bestehende Aids-Hilfe und der rein
spendenfinanzierte Verein “Aids und Kinder e.V.” unverzichtbare Dienste.
Nach Ostern kam eine Sensationsmeldung aus Rom: Der Papst wolle künftig
Aids-Kranken die Benutzung von Präservativen erlauben. “Gib Aids keine
Chance”, “Kondome Schützen” oder “Mach’s mit” – diesen Slogans
zur Eindämmung der weltweiten Immunschwäche-Geisel hatte Benedikts Vorgänger
Johannes-Paul II bis zuletzt mit einem unerbittlichen Kondom-Verbot
entgegengepredigt. Doch auch der Silberstreif über St. Peter ist trügerisch:
Auf ein generelles Ja der katholischen Kirchenoberen zum Schutz durch Kondome
ist allein schon wegen derer (ursprünglich ja primären) Funktion als Empfängnis-Verhüter
längst nicht zu hoffen.
Von HIV-infizierten Menschen, sogar von Ehepaaren, den Verzicht auf
Sexualverkehr zu verlangen, statt sie sich mittels eines einfachen Stückchen
Gummis wirkungsvoll schützen zu lassen, ist (oder war hoffentlich) nur der
absurdeste Gipfel moralisch-sittlicher Verknöcherung. Erst recht und auch
weiterhin untersagen die enthaltsamen alten Männer im Vatikan
Nichtinfizierten die vorbeugende Verwendung von Präservativen und jungen
Menschen den vorehelichen Verkehr ja sowieso. Die sexuelle Realität aber ist
bekanntlich eine ganz andere, und der UD-Schreiber hätte die “heiligen
Botschaften” aus Rom bestimmt nicht als Einstieg “gewürdigt”, schlügen
diese nicht permanent all jenen ins Gesicht, die sich im Rahmen der Aufklärung
über Aids und andere Geschlechtskrankheiten für “Safer Sex” und
insbesondere für den Ansteckungsschutz durch Kondome einsetzen.
Hilfe zur Selbsthilfe
Menschen
wie Elke Adler. Selbst seit bald zwei Jahrzehnten HIV-positiv getestet, war
sie mit ihrem Ehemann Dieter 1989 Mitbegründerin von “Aids und Kinder e.V.
Baden-Württemberg”. Der rein ehrenamtlich geführte Verein mit Sitz in
Heidelberg- Wieblingen ist ein Kreis betroffener Familien und deren Freunden,
der zugleich Sprachrohr und Ansprechpartner sein will. Zur Zeit betreut der
Verein 60 Familien, die meisten aus dem “Ländle”, aber auch aus
Rheinland-Pfalz, Hessen und anderen Bundesländern. Das Angebot umfasst neben
aktuellem Infomaterial die Hilfe beim Gang zu Ämtern, Behörden und Fachärzten,
die Vermittlung und Bezuschussung von Erholungsurlaub sowie finanzielle Hilfe
für Familien, die durch Aids in Not geraten sind. Ferner veranstaltet der
Verein Wochenend-Gruppengespräche und Freizeiten und bietet in seiner Geschäftsstelle
in der Mannheimer Straße (Wieblingens Hauptstraße) 198 nach dem Prinzip der
Hilfe zur Selbsthilfe Betroffenen Raum und Unterstützung, um selber aktiv zu
werden. Da sich “Aids und Kinder e.V.” ohne öffentliche Zuschüsse
finanzieren muss, ist der Verein dringend auf Spenden und Unterstützung durch
Fördermitgliedschaften angewiesen.
Trügerische Ruhe
In
den Medien ist das Thema Aids heute ungleich weniger zu finden als in den 80er
und 90er Jahren. Dabei breitet sich die Krankheit weiter aus. In Deutschland
stieg letztes Jahr die Zahl der Neuinfektionen mit 2490 um 13 Prozent. Die
Gesamtzahl der Infizierten erreichte hierzulande einen neuen Höchststand, und
es wäre gefährlich, wenn Aids bei uns mangels Schlagzeilen-Präsenz in
Vergessenheit geraten würde. Dies gerade angesichts des oft sehr langsamen
Krankheitsverlaufs. Zwischen der Infektion und den ersten Symptomen können
bekanntlich viele Jahre liegen, ohne dass der oder die HIV-Positive etwas
ahnen. Um so größer ist natürlich das Verbreitungsrisiko.
Niederschwelliges Angebot beim Gesundheitsamt
Menschen, die ein Infektionsrisiko hatten, sollten sich möglichst frühzeitig
testen lassen. Doch neben der Furcht vor der Gewissheit hemmt sie oft die
Schwellenangst. Um so wichtiger sind die niederschwelligen Angebote, wie etwa
jene der Aids-Beratung beim Heidelberger Gesundheitsamt. Ratsuchende, ob
Einzelne, Paare, Betroffene oder Angehörige, finden hier kostenlos und anonym
Information und Hilfe bei allen Fragen, Problemen, Zweifeln und Befürchtungen
in Bezug auf HIV und AIDS. Die Beratung, auch zu Fragen der Sexualität und
Verhütung, insbesondere der Kondomanwendung, kann telefonisch oder persönlich
stattfinden. Zudem bietet das Gesundheitsamt HIV-Tests an, ebenfalls gratis
und anonym, versteht sich.
Information tut Not
Ein zweiter wichtiger Arbeitsschwerpunkt dieser Beratungsstelle ist die
Aids-Prävention durch Aufklärung. Gerade junge Menschen in Deutschland
wissen zu wenig über die Risiken und Gefahren. Nach einer repräsentativen
Studie der Jugendzeitschrift BRAVO machen sich 42 Prozent der Jugendlichen
zwischen elf und 17 Jahren überhaupt keine Gedanken über Aids. Jede/r siebte
der knapp 1500 Befragten hatte schon Geschlechtsverkehr ohne Verhütung.
Jedoch wirke die Jugend im Gespräch heute, so die Leiterin der Umfrage, gar
nicht mal wie eine “Generation sorglos”, eher wie eine “Generation-ich-weiß-nicht-so-recht”.
Um so wichtiger ist die profunde Informationsarbeit der Aids-Beratung über
die HIV-Infektion sowie auch über andere wieder zunehmende
Geschlechtskrankheiten. So laufen Informations-Veranstaltungen an Schulen, im
Juli gibt es am Hauptbahnhof Aktionen rund um “Sommer, Sonne, Safer Sex“.
Auch beim Welt-Aids-Tag am 1. Dezember ist die Beratung mit Infoständen präsent.
Daneben veranstaltet sie Feierabend-Parties, macht Kino-Werbung, plakatiert Slogans
stark in Bussen und Straßenbahnen, und anlässlich der Fußball-WM
2006 sind zusätzliche Aktionen geplant. Die Öffentlichkeitsarbeit läuft in
Kooperation mit der Aids-Hilfe Heidelberg e.V., Aids und Kinder e.V. BaWü und
Pro Familia Heidelberg.
20 Jahre Aids-Hilfe Heidelberg
Ein
originell gestaltetes Schaufenster weist zur Zeit in der Heidelberger Plöck
auf ein besonderes Jubiläum hin. Seit 20 Jahren gibt es die Aids-Hilfe
Heidelberg. Und da Jürgen und Marion Brechts Zuckerladen dieses Jahr zufällig
auch sein 20jähriges feiern kann, und sich die beiden “Naschwerker” seit
Jahren für soziale Randgruppen wie Obdachlose oder HIV-Infizierte einsetzen,
nehmen sie das Doppeljubiläum gerne zum Anlass, unter dem Motto „Gefühle
schützen“ für die Aids Prävention und gegen die Diskriminierung zu werben
und Spendengelder zu sammeln, denn finanzielle Unterstützung kann die einst
von acht schwulen Männern in der Altstadt gegründete Aids-Hilfe heute mehr
denn je gebrauchen. Aus dem Selbsthilfeverein ist eine Beratungsstelle mit
drei Angestellten, 50 Ehrenamtlichen und 70 Fördermitgliedern geworden.
Psychosoziale Betreuung, sozialrechtliche Beratung, Selbsthilfegruppen für
Betroffene und Angehörige, Schulung von Multiplikatoren und wiederum Aufklärungsarbeit
in Schulen – das Arbeitsspektrum ist breit, und muss zu 40 Prozent selbst
finanziert werden.
Wertvolle Unterstützung findet die Aids-Hilfe auch beim neuen Intendant der
Städtischen Bühne, Peter Spuhler. Aus Tübingen mitgebracht hat er den
“guten Brauch, dass das Theater jährlich zum Welt-Aids-Tag der Aids-Hilfe
gehört“. Daher steht für 1. Dezember eine große Aids-Gala auf dem
Programm. Spuhler hat die Schirmherrschaft übernommen und leistete mit dem
Beitritt zum Förderverein gleich auch seinen ganz privaten Beitrag. (Quelle:
Stephan Kraus-Vierling (c) Umweltdirekt
Heft 3/2006 )