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Die Verhüllung

   

Berichte über HIV und AIDS sind in den letzten Jahren leider immer mehr aus den Medien verschwunden. Die Krankheit hat ihren Schrecken verloren, und stellt für viele Menschen keine Bedrohung mehr dar. Wir möchten, dass AIDS im Gespräch bleibt. Dazu gehört eine häufige Präsenz in den regionalen Medien.

 

„Es wird wieder mehr gestorben“ 

In Heidelberg nimmt die Zahl der Aids-Kranken wieder zu. Die Aids-Hilfe ist seit zwanzig Jahren die wichtigste Anlaufstelle für HIV-Positive aus Heidelberg und Umgebung. 

Der selbstgebastelte Baum, der an der Wand der Aids-Hilfe in Heidelberg hängt, trägt schwarze Blätter. An jedem ist ein Name angebracht. „Sie stehen für Menschen, die wir früher betreut und leider verloren haben“, erklärt Heidi Emling, Sozialpädagogin, die sich seit 1993 bei der Heidelberger Aids-Hilfe engagiert. Entgegen dem weltweiten Trend nimmt in Heidelberg die Zahl der neufestgestellten Aids-Infektionen derzeit zu. „Es wird wieder mehr gestorben“, stellt Heidi Emling fest. Alleine in den vergangenen drei Monaten gab es drei Todesfälle.

„Das liegt wohl daran, dass viele inzwischen Aids für heilbar halten“, vermutet die Beraterin. Doch davon ist die medizinische Forschung weit entfernt. Aids lässt nach wie vor wenig Hoffnung auf eine Genesung. Die Medikamente werden zwar immer besser, aber sie haben immense Nebenwirkungen und wirken auf Dauer wie eine Chemotherapie. „Die brutale Wahrheit will aber keiner hören“, sagt Emling. 

Perspektiven in den Behandlungsmöglichkeiten von Aids waren auch Thema der letzten Weltaidskonferenz im kanadischen Toronto – der bislang größten weltweit. Sie versammelte 24000 Tausend Teilnehmer aus 170 Länder und ging Mitte August zu Ende. Für ein paar Wochen war Aids mal wieder ein viel diskutiertes Thema in Politik und Gesellschaft. Zwanzig Jahre nach dem anfänglichen Schock, in den der Ausbruch dieser Epidemie die ganze Welt versetzt hat, hat sich die Lage für viele Patienten nicht wesentlich verbessert, so das Fazit. 

Selbst in den vermeintlich aufgeklärten westlichen Ländern ist der Umgang mit Aids-Kranken teilweise noch von Vorurteilen und borniertem Denken geprägt. „HIV-Positive werden zum Teil immer noch wie Ausgestoßene behandelt und von Familie wie Freunden abgelehnt“, weiß auch Heidi Emling aus ihrer Heidelberger Praxis. Einige werden beim Zahnarzt nicht behandelt, andere verlieren ihren Job. Dies ist auch der Grund, warum die meisten ihren Zustand schlichtweg verschweigen. Sie leben versteckt, trauen sich oft nicht einmal in das Gebäude der Aids-Beratung aus Angst, jemand könnte sie sehen. 

Die wenigsten HIV-Positiven trauen sich, ihr Leiden anderen anzuvertrauen. Anna K. aus Leimen (Name von der Redaktion geändert) hat diesen Schritt gewagt. Die 24jährige weihte vergangenes Jahr ihre Kollegen, ihren Chef und ihre Familie ein. Und hatte Glück. „Nur mein Chef hat mich danach sehr distanziert behandelt“, erzählt sie. „Alle anderen haben verständnisvoll reagiert“. Als die Diagnose fiel, war Anna im zweiten Monat schwanger. Bei einer Routineuntersuchung, rein zufällig also, entdeckten die Ärzte die schleichende Krankheit. „Meine Welt ist auf einmal zusammengebrochen“, sagt sie. Sie hat sich dennoch entschlossen, das Kind zur Welt zu bringen und ist heute heilfroh darüber. Chiara ist inzwischen sechs Monate alt und vollkommen gesund. „Sie gibt mir Kraft und stärkt meinen Überlebenswillen“, sagt Anna. 

Und weil sie von ihrer Angst immer wieder eingeholt wird, besucht sie regelmäßig die Frauen-Selbsthilfegruppe der Heidelberger Aids-Hilfe. Dort tauscht sie sich mit anderen Betroffenen aus. Für viele ist es der einzige Ort, an dem sie offen über ihre Ängste und Sorgen sprechen können. 

Dabei stellen die Selbsthilfegruppen nur eine Initiative der über die Stadtgrenzen bekannten Anlaufstelle in der Unteren Neckarstraße dar. Die drei Vollzeit-Angestellten und rund 50 ehrenamtliche Mitarbeiter bieten darüber hinaus persönliche Gespräche, anonyme telefonische Beratung an und helfen, Stiftungsgelder zu beantragen. Und all das seit bereits zwanzig Jahren. Es sind aber auch die kleinen Erfolge, auf die die agile Helfergruppe besonders stolz ist. So ist es ihr gelungen, dreißig Freikarten für eine Vorstellung des Roncalli-Zirkus zu bekommen. Denn sie wissen es am besten: Ein unbeschwerter Abend ist für ihre Schützlinge oft das schönste Geschenkt überhaupt. 

Info: anonyme Telefonberatung der Heidelberger Aids-Hilfe unter der Tel. Nr. 19411. Spendekonto Nr. 7870, Sparkasse Heidelberg.  (Quelle: RNZ

 

Jetzt hat die Trauer einen Ort

Auf dem Bergfriedhof erinnert ein Gedenkstein an die Aids-Opfer

(c) Kresin - RNZ HeidelbergEinen Platz zum Trauern um alle, die an Aids gestorben sind, gibt es jetzt auf dem Bergfriedhof.

Sigrid Arce, Jutta Seufert, Birgit Dannegger und Elke Adler (v.l.) von der Aids-Hilfe legen hier Steine mit den Namen der Verstorbenen nieder. Foto: Kresin

Von Ingeborg Salomon

Den Wunsch hatten die Mitarbeiter der AidsHilfe schon lange: einen Ort zu haben, an dem sie ihre verstorbenen Partner, Freunde und Angehörige betrauern können. Jetzt, zum 20. Geburtstag der Aids-Hilfe, konnte auf dem Bergfriedhof eine Gedenkstätte eingeweiht werden, an dem die Aids-Toten Namen haben. Eine schwarze Säule aus poliertem Granit steht wenigen Meter vom Eingang Steigerweg entfernt, umgeben von alten Bäumen und Büschen; eine große Aids-Schleife aus Bronze und eine Gedenktafel zeigen, um wen hier getrauert wird. „In anderen Städten ist so ein Gedenkstein mitten in der Innenstadt, aber wir haben uns einen ruhigen Ort vorgestellt“, so Birgit Dannegger von der Aids-Hilfe.

Bei der Verwaltung des Bergfriedhofs habe man offene Türen eingerannt, so dass ein Platz im alten Teil des Friedhofs, in unmittelbarer Nachbarschaft von Czerny, schnell gefunden war. Den Gedenkstein stiftetet die Firma Seufert aus Kirchheim, die die Granit-Stele aus dem 19. Jahrhundert in ihrer Werkstatt stehen hatte.

Bei der Einweihung kamen rund 80 Verwandte, Freunde und Mitarbeiter der AidsHilfe zusammen; viele hatten kleine Steine mit dem Namen ihres Verstorbenen mitgebracht, die um die Säule gelegt wurden. „Wir haben in der Kreativgruppe die Steine gemeinsam beschriftet und mit Klarlack wetterfest gemacht“, erzählt Elke Adler, die seit vielen Jahren in Schulen über Aids aufklärt.

Selbst HIV-positiv, kann sie sich gut vorstellen, hier auch einmal auf einem Stein verewigt zu sein. „Für viele Menschen mag diese Vorstellung befremdlich sein, aber ich finde es eine schöne Idee, mir meinen eigenen Stein zu suchen“, meint sie. (Quelle: (c) RNZ vom 22.05.06)

Mehr über den Gedenkstein finden Sie unter 20 Jahre

 

„Die Kreativ-Gruppe ist unser Renner“

Heute ist Welt-Aids-Tag – Auch in Heidelberg steigt die Zahl der Infizierten – HIV-Positive und Angehörige basteln gemeinsam


Kreativ trotz HIV: Heidi Emling und die Kreativ-Gruppe der Aids-Hilfe. Foto: Welker

Von Ingeborg Salomon

Die Nachricht erschreckt, sie macht betroffen und nachdenklich: Zum ersten Mal seit Jahren ist die Zahl der Neuinfektionen bei HIV wieder angestiegen. Über 40 Millionen Menschen sind nach Einschätzung von UNAIDS, der Aidsorganisation der Vereinten Nationen, weltweit infiziert; jährlich stecken sich fünf Millionen Menschen neu mit dem Virus an, das sind sechs in jeder Minute. Der heutige Welt-Aids-Tag erinnert an sie und ruft zu Solidarität und Hilfe auf.

„Auch bei uns steigen die Zahlen kontinuierlich“, bestätigt Heidi Emling von der Aids-Hilfe Heidelberg. Rund 150 Betroffene und 250 Angehörige betreut das kleine Team, das im nächsten Jahr 20-jähriges Jubiläum feiert. Heidi Emling hält es für einen großen Fehler, die Krankheit zu verharmlosen. „Wer sich heute ansteckt, hat oft einen sehr aggressiven Virus, der auf Medikamente nicht mehr so gut anspricht“, weiß Heidi Emling. Zwar seien die Medikamente in den letzten Jahren deutlich besser geworden, doch hätten sie auch viele Nebenwirkungen.

Drei, die das aus eigener Erfahrung wissen, sitzen an diesem Samstag Nachmittag in der Mannheimer Straße 198. Karl-Heinz, Lalle und Dieter sind HIV-positiv und treffen sich mit anderen Betroffenen und ihren Angehörigen jeden zweiten Samstag zur Kreativ-Gruppe. Sogar aus Stuttgart, Frankfurt und Bad Rappenau reisen HIV-Positive an, um hier ihre Ideen und Fähigkeiten einzubringen. Was sie aus Leder, Papier, Wolle und Holz gebastelt haben, kann sich sehen lassen und wird in der Vorweihnachtszeit auf den Weihnachtsmärkten verkauft. Die Stimmung ist gut, es wird gelacht und erzählt – auch über Aids.

„Wir sind die einzige Positivengruppe der Aids-Hilfe, die auch für Angehörige offen ist“, erklärt Karl-Heinz. Wer „nur“ reden und sich austauschen will, ist in der Männergruppe, der Frauengruppe oder der gemischten Gesprächsgruppe der Aidshilfe gut aufgehoben; alle drei werden psychologisch begleitet. Die Kreativ-Gruppe trifft sich ausschließlich untereinander, entweder in den Räumen von „Aids und Kinder“ oder im Sommer bei Dieter und Elke in deren großem Hof. Das ist dann immer besonders nett, es wird gebastelt und gemeinsam gegrillt; die Gruppe ist deshalb ein gutes Einstiegsangebot für neu Infizierte. „Das Angebot, zusammen zu basteln oder zu malen, reden zu dürfen, aber nicht zu müssen, wird gerne angenommen“, weiß Heidi Emling.

Außerdem haben die Mitglieder der Kreativ-Gruppe das gute Gefühl, „der Aids-Hilfe nicht auf der Tasche zu liegen“, so Dieter. Denn schließlich fließt der Erlös aus dem Verkauf in die Gruppe zurück und wird in neues Material umgesetzt.

Die gemeinsame Idee, etwas Schönes zu machen, verbindet hier Menschen mit höchst unterschiedlichen Lebenswegen, so dass in der Kreativ-Gruppe auch schon etliche Freundschaften begründet wurden. „Die Kreativ-Gruppe ist unser Renner“, fasst Heidi Emling zusammen.

INFO: Die Kreativ-Gruppe ist am 4. Dezember auf den Weihnachtsmarkt in der Weststadt mit einem Stand dabei sowie vom 16. bis 18. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt am Anatomiegarten. (Quelle: © RNZ vom 01.12.05)

  

Zum Welt-AIDS-Tag 2004 mit dem Thema " Frauen, Mädchen, HIV und AIDS" erschien in der Rhein-Neckar-Zeitung ein Bericht über eine junge Mutter:

Am Tag, als ihr Baby starb, kam die Diagnose: HIV

Heute ist Welt-Aids-Tag - Die 30-jährige Bianca wollte nicht mehr leben - Heute ist sie Mutter einer gesunden Tochter
Von Ingeborg Salomon

"Es hat sich echt gelohnt", sagt Bianca und schaut ihre Tochter Lisa an (alle Namen wurden von der Redaktion geändert). Angesichts eines gesunden, putzmunteren Babys finden das vermutlich alle jungen Mütter. Doch Bianca ist HIV-positiv, sie hat bereits ein Kind verloren, und dass Lisa gesund sein würde, war keineswegs sicher. Über Mütter, die wie Bianca mit dem HI-Virus infiziert sind und sich doch für ihr Kind entscheiden, steht die öffentliche Meinung schnell fest: "Verantwortungslos". Biancas Geschichte beweist das Gegenteil.

Die 30-Jährige hatte bereits eine sechsjährige Tochter, als sie 1999 wieder schwanger wurde. Ihr kleiner Junge kam drei Monate zu früh auf die Welt und starb am Tag seiner Geburt; am selben Tag erfuhr Bianca, dass sie HIV-positiv war. Angesteckt hatte sie sich, das weiß sie heute, bei ihrem Ex-Freund. "Ich wollte nicht mehr leben und machte einen Selbstmordversuch", erzählt sie. Bianca kam ins Psychiatrische Landeskrankenhaus nach Wiesloch - akute Selbstmordgefahr. Die Ärzte kontaktierten die Aidshilfe Heidelberg, Heidi Emling nahm sich der jungen Frau an.

"Die haben mir Mut gemacht, und mir einen Platz in der Wohngemeinschaft von PositHIV Wohnen besorgt". Bianca fühlte sich dort sehr wohl, wollte aber schließlich doch lieber allein wohnen. Heute lebt sie mit Lisa in einer eigenen Wohnung, die ebenfalls über den Verein vermittelt wurde. Ab und zu schaut eine Betreuerin vorbei, bespricht die wichtigsten Probleme und hilft bei Behördengängen und Arztbesuchen; im Übrigen lebt Bianca selbstständig und ist mit der Betreuung von Lisa genauso ausgelastet und stark gefordert wie andere junge Mütter auch.

"Eigentlich habe ich mir immer noch ein Kind gewünscht, aber als ich dann wirklich schwanger war, habe ich nicht gerade ,Hurra' gerufen", erinnert sie sich. Zu groß war der Schmerz um das verlorene Baby, zu groß die Angst, dass das Ungeborene ebenfalls HIV-positiv sein könnte. Zwar wusste sie, dass der Vater des Kindes gesund ist, und eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage, doch ihre Angst war dennoch groß. Auch hier half ihr die Aids-Hilfe.

Bei HIV-spezifischer guter medizinischer Betreuung von Mutter und Kind liegt die Übertragungsrate in Deutschland unter zwei Prozent, ohne diese Betreuung bei 20 bis 30 Prozent. Bianca musste Medikamente nehmen, die Entbindung erfolgte mit einem Kaiserschnitt, stillen durfte sie nicht, und die Ungewissheit blieb.

Denn Neugeborene behalten noch 15 bis 18 Monate mütterliche Antikörper; auch wenn das Kind gar nicht infiziert ist, fällt der Test in dieser Zeit positiv aus. Doch Lisas Blutwerte sind gut, mit jeder Kontrolluntersuchung schwindet ein bisschen von Biancas Angst. Ihre Familie hatte nur zu Beginn einige Probleme mit der Infektion, inzwischen stehen alle hinter ihr und können mit der Krankheit umgehen. Ihr inzwischen elfjähriger Sohn wächst bei der Großmutter auf, denn Bianca muss mit ihren Kräften haushalten; nur mit starken Medikamenten kann das Virus in Schach gehalten werden. Und dass Eltern mit einem Kleinkind immer an chronischem Schlafmangel leiden, werden alle Mütter in der gleichen Situation bestätigen.

Trotz ihres schweren Schicksals schaut die junge Frau zuversichtlich in die Zukunft: "Ich suche jetzt eine Krabbelgruppe für Lisa, und ich will mich auch wieder mehr um meinen Großen kümmern", meint sie. Und weil Bianca eine Frau mit Verantwortungsgefühl ist, hat sie sich inzwischen sterilisieren lassen. "Ich bin sehr glücklich über Lisa, aber ich werde dieses Risiko nie wieder eingehen", unterstreicht sie und schiebt ihrer Tochter einen Löffel Brei in den Mund. Lisa quietscht vor Vergnügen - ein ganz normales, gesundes Kleinkind. (c) RNZ vom 01.12.04

 

 

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Stand: 13. Januar 2008